DialogBereiter, ein Projekt des Sozialhelden e.V., ist ein Team aus Engagierten, die in verschiedenen Rollen mit der Flüchtlingsthematik in Berührung gekommen sind: Als Geflüchtete, als Behördenmitarbeiter, als Freiwillige. 2016 begannen wir, unsere guten und schlechten Erfahrungen zusammenzutragen, Menschen in verschiedenen Funktionen zu interviewen, deren Erfahrungen mit den unseren zusammenzubringen und daraus Beratungsangebote zu konzipieren.

Foto: Kalle Kuikkaniemi

Die Workshops

Ein offener Dialog mit der Nachbarschaft und die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen und Hauptamtlichen in Unterkünften tragen heute viel zur Akzeptanz und Integration von Geflüchteten in Deutschland bei. Trotzdem stoßen Beteiligte vielerorts noch auf große Hürden. Um sie in ihren Bemühungen weiter zu stärken, haben wir Workshop-Module entwickelt, die die relevanten Herausforderungen für Betreiber, Freiwillige und Geflüchtete in Unterkünften behandeln und Wege zu mehr Begegnungen und zum Umgang mit Anwohnern aufzeigen. Das Angebot umfasst fünf Module, die aber auch einzeln gebucht werden können, um spezifischeren Fragen nachzugehen.

Die Workshops basieren auf Erfahrungen und Kenntnissen, die Geflüchtete, Freiwillige und Hauptamtliche in den letzten Jahren gesammelt haben. Sie sind kostenlos und richten sich an Freiwilligeninitiativen, Betreiber, Ehrenamtskoordinatoren und Medien.

#1

Modul 1: Haupt- und Ehrenamt – Zweck- oder Sinngemeinschaft?

Dieses Modul beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt; zwei Partner, die sich aufgrund der Verhältnisse zusammentun, dabei aber aufgrund ihrer verschiedenen Positionen – bezahlter Job vs. freiwilliges Ehrenamt – nicht zwangsläufig die gleichen Ziele verfolgen. Wenn unterschiedliche Ziele, Arbeitsweisen und Qualifikationen aufeinandertreffen, sind Konflikte vorprogrammiert. Dieses Modul beschäftigt sich mit der Frage, wie beide Seiten – so flexibel wie möglich und so geregelt wie nötig – die Zusammenarbeit gemeinsam gestalten, Konflikte konstruktiv lösen und die besten Ergebnisse für die Bewohner einer Unterkunft erreichen können.

#2

Modul 2: Das Ehrenamt – Organisierte Spontanität

Modul zwei beschäftigt sich mit den Strukturen von Freiwilligeninitiativen. Diese haben sich überall unterschiedlich entwickelt, haben verschiedene Ausgangssituationen, stehen aber fast immer vor ähnlichen Herausforderungen. So sind die meisten Initiativen als sehr dynamische Organismen entstanden, in denen sich schnell Strukturen und Hierarchien gebildet haben, auf deren Vor- und Nachteile eingegangen wird. Dieses Modul behandelt auch die Frage der strategischen Ausrichtung und wie Freiwilligeninitiativen sich gegenüber Politik und Betreibern positionieren sollten, wenn sie die Rolle eines einflussreichen Akteurs einnehmen möchten.

#3

Modul 3: Anwohner und Nachbarn – Zwischen Ablehnung, Toleranz und Engagement

Anwohner sind in den seltensten Fällen wirklich begeistert, wenn eine Geflüchtetenunterkunft in ihrer Nachbarschaft eröffnet wird: Es gibt Ängste, Sorgen, Vorurteile und später mitunter auch ganz reale Probleme, denen man begegnen muss. Anwohner sind aber gleichzeitig auch potenzielle Helfer, kennen das Umfeld und können Geflüchtete in ihr neues, alltägliches Lebensumfeld einführen. Mit ihnen in einen partnerschaftlichen Dialog zu treten muss das Ziel aller Beteiligten sein. Das Modul beschäftigt sich damit, wie man auf Anwohner zugeht, den richtigen Ton trifft – und sie bestenfalls zum eigenen Engagement bewegen kann.

#4

Modul 4: Individuen statt „die Geflüchteten“

Es wird häufig von „den Problemen“ und „den Bedürfnissen“ von Geflüchteten gesprochen. Dabei wird übersehen: Es gibt nicht „die“ Probleme und Bedürfnisse, sondern individuelle Anforderungen. Diese zu kennen ist von großer Notwendigkeit, wenn Angebote nicht ins Leere laufen sollen. Wünsche und Erwartungen einzelner Menschen variieren stark und verändern sich nach der Ankunft in Deutschland auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Dieses Modul widmet sich dem Umgang mit verschiedenen Phasen des Ankommens und Einlebens, der passenden Ansprache, aber auch gängigen Vorurteilen und Missverständnissen zwischen Geflüchteten.

#5

Modul 5: Auf engem Raum – Herausforderungen des Zusammenlebens in Unterkünften

Wo viele Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Kulturen und häufig mit traumatischen Erfahrungen ohne wirkliche Privatsphäre und Selbstbestimmung zusammenleben, sind Konflikte unvermeidbar. Diesen entschlossen und geschlossen entgegenzutreten, ist dabei nur ein Aspekt. Auch Streitkulturen sollten richtig eingeschätzt werden, denn oftmals nehmen Beteiligte Auseinandersetzungen unterschiedlich wahr. In diesem Modul zeigen wir, welche Herausforderungen allgegenwärtig sind, welche häufiger oder seltener vorkommen und wie man am besten mit ihnen umgehen kann.

DialogBereiter – Wer wir sind, was wir machen.

Mit der Ankunft hunderttausender Geflüchteter in Deutschland fanden in den letzten zwei Jahren überall Freiwillige zusammen, die ein Ziel hatten: gemeinsam zu helfen, gemeinsam etwas zu erreichen. Mit ihrem Engagement in Unterkünften und Nachbarschaften tragen sie maßgeblich zum alltäglichen kulturellen Austausch, zum gemeinsamen Leben und Lernen bei.

Die gesammelten Erfahrungen hätten dabei nicht unterschiedlicher sein können: Während mancherorts Anwohner Willkommensinitiativen gründeten, versuchten sie andernorts die Eröffnung von Unterkünften teils aggressiv zu verhindern; während Betreiber in manchen Unterkünften eng mit Freiwilligen zusammenarbeiteten, wurde diesen an anderen Orten der Zutritt verwehrt; während hier die Bewohner schnell Fortschritte machten und zu Integrationsvorbildern wurden, fielen sie dort eher durch Zwischenfälle und Konflikte auf.

Warum gibt es diese Unterschiede? Was können Unterkunftsbetreiber und die dortigen Akteure voneinander lernen? Welche Erfahrungen lassen sich übertragen, wo sind die Grenzen der Übertragbarkeit und wie wird man den individuellen Gegebenheiten in der Nachbarschaft gerecht?

Wir möchten die kleinen und großen Erfolgsfaktoren in den Mittelpunkt rücken und Erfahrungen so aufbereiten, dass sie für Chancen und Grenzen der Zusammenarbeit zwischen Betreibern und Freiwilligen sensibilisieren: konkret und praxisnah.

Unser Team bringt dafür viel Erfahrung mit: Wir haben in Behörden gearbeitet, sind in Freiwilligeninitiativen aktiv oder haben selbst als Geflüchtete in Unterkünften gelebt.

Das Team
Holger Michel

ist der einzige Berliner im Team. Dort und in London hat er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation sowie Marketing studiert. Anschließend arbeitete er für Agenturen und in einer Partei, bis er sich 2010 mit einer Strategieberatung selbstständig machte. In seiner Freizeit lobbyiert er als Vorstand von AMCHA Deutschland für psychosoziale Hilfe für Überlebende des Holocausts in Israel und engagiert sich seit 2015 in einer der größten Notunterkünfte Berlins, dem früheren Rathaus Wilmersdorf, wo er 2016 Sprecher der Freiwilligen wurde. Über seine Erfahrungen dort schrieb er das 2017 erschienene Buch „Wir machen das. Mein Jahr als Freiwilliger in einer Notunterkunft für Geflüchtete“.

Als DialogBereiter kümmert Holger sich schwerpunktmäßig um den Erfahrungsaustausch mit Initiativen, Trägern und kommunal Verantwortlichen und bündelt deren Erfahrungen, um daraus bestandsfähige Beratungsangebote, Workshops und Vorträge entwickeln zu können.

Hend AlRawi

wurde in Syrien geboren, studierte an der Universität von Damaskus englische Literatur und arbeitete als Lehrerin sowohl in Dammam, Saudi Arabien, als auch in Damaskus. 2015 erreichte sie Deutschland und kam über Umwege nach Berlin. Nach einigen Monaten in einer Notunterkunft für Geflüchtete konnte sie in eine eigene Wohnung ziehen und begann bei einem internationalen Telekommunikationsunternehmen als Diversity-Beraterin zu arbeiten. Außerdem arbeitete sie ehrenamtlich als Dolmetscherin in einer Unterkunft für Geflüchtete und gibt Englischunterricht. Anfang 2017 stieß sie dann zu den Sozialhelden, wo sie zusammen mit Bashar die Lebenssituation von Geflüchteten untersucht.

 

Als DialogBereiterin will Hend ihre eigenen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung, von Ankommen und Loslegen in Deutschland nutzen, um Integrations- und Kennenlernprozesse voranzutreiben und um mehr Verständnis zwischen Aufnehmenden und Ankommenden zu schaffen. Sie ist überzeugt, dass gelingende Integration auch davon abhängt, ob sich Menschen verstanden und als wirklicher Teil der Gemeinschaft fühlen.

Bashar Alrefaee

kommt ursprünglich aus dem syrischen Homs. Während seines Studiums der Veterinärmedizin an der Al- Ba’ath University leitete er die Salesabteilung des Textilunternehmens seiner Familie. 2015 verließ er Syrien und kam nach Berlin. Anfänglich lebte er in einer Notunterkunft, verließ diese aber bald, zog zu Freunden und begann schließlich bei einem internationalen Unternehmen in Berlin im IT-Bereich zu arbeiten. Parallel dazu hielt er Seminare und Vorträge über interkulturelle Bildung für Behörden und Führungskräften und war als Freiwilliger in einer Notunterkunft als Sprach- und Kulturvermittler tätig.

Als DialogBereiter wird Bashar weiterhin seinen Schwerpunkt hier setzen: das Aufspüren und Erklären von kulturellen Unterschieden: Was finden wir „normal“, was andere „fremd“ finden? Wie können kleine Unterschiede zu großen Missverständnissen führen? Bashar möchte kreative Lösungsansätze entwickeln, um diese Missverständnisse deutlich zu machen. Sein Ziel ist eine Gesellschaft, in der sich die verschiedenen Kulturen verstehen. Und in der er endlich einen ihm gewachsenen Tischtennisgegner findet.

Silke Georgi

wurde in Deutschland geboren und ist in den USA aufgewachsen, hat Politologie und Jura in Massachusetts und Berlin studiert. Bevor sie bei den Sozialhelden den Bereich International Affairs übernahm, arbeitete sie als Juristin und Projektleiterin. Mit juristischen Kämpfen vertraut, arbeitete sie in den Niederlanden zum ersten Mal mit Geflüchteten und half im Zuge einer Generalamnestie dabei, dass Geflüchtete in Eindhoven eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen konnten.

Als DialogBereiterin will Silke an Projekten mitwirken, die alltägliche Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion intensivieren und damit Missverständnisse und Vorurteile abbauen. So, wie sie es in ihrer Freizeit macht: da zieht sie mit der Kamera durch Berlin, diskutiert mit ihren Kindern über Instagram Memes, Feminismus und Craft Beer und leitet seit 2015 ein Projekt, in dem Freiwillige Geflüchteten Englischunterricht geben.

Alexander Bock

kommt aus dem wirklich hohen Norden: Schleswig-Holstein. Seinem dualen Betriebswirtschaftsstudium in Hamburg folgten einige Jahre als Projektkoordinator in einem internationalen Konzern – bevor er an der Universität Bologna und der Copenhagen Business School mit Kulturwissenschaften und Non-Profit Management neue Wege ging. Zurück in Deutschland, arbeitete er 2015 in der Hamburger Innenbehörde und kümmerte sich um Geld- und Sachleistungen für Geflüchtete in Erstaufnahmen. Neben dem Engagement in Notunterkünften begleitete er außerdem ein Informationsprojekt für Geflüchtete an der Bucerius Law School.

Als DialogBereiter koordiniert Alexander die Forschungsarbeit im Projekt und bringt dabei wertvolle Erfahrungen aus Unternehmen, Behördenalltag und der Freiwilligenarbeit mit.

Sanaz Azimipour

wurde im Iran geboren und studierte in Teheran Mathematik. Neben dem Studium gab sie Mathematikunterricht, schrieb Mathebücher für Kinder und arbeitete als Fotografin. 2016 zog sie nach Berlin, um an der HTW weiter zu studieren. Seit einem Jahr ist sie Freiwillige in der Notunterkunft im alten Flughafen Tempelhof, wo sie als Übersetzerin aktiv ist und mit Frauen und Kindern im Open Art Shelter arbeitet.

Als DialogBereiterin bringt Sanaz nicht nur die Erfahrungen als Freiwillige aus der Unterkunft mit, sondern auch ihre Erfahrungen aus dem Iran, wo mehr als 3 Millionen Geflüchtete aus Afghanistan leben. Auch wenn sie selber nicht fliehen musste, kennt sie das Gefühl, alleine in ein fremdes Land zu kommen und sich zurechtfinden zu müssen. Mit ihrer Kamera möchte sie Geschichten von Begegnungen und Nachbarschaft erzählen.

Unsere Aktivitäten

Beratung und Vermittlung: Mit fünf kompakten Modulen wenden wir uns an Mitglieder von Freiwilligeninitiativen, Mitarbeiter von Unterkunftsbetreibern oder kommunale Entscheidungsträger, die einen Bedarf für verbesserte Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt sehen, oder die schon vor Eröffnung einer neuen Unterkunft nach Impulsen für das eigene Integrationskonzept in der Nachbarschaft suchen. Das Angebot richtet sich auch an Journalisten, um ihnen dabei zu helfen, die Prozesse und Dynamiken innerhalb von Unterkünften und den Dialog mit und in der Nachbarschaft einordnen zu können.

Zentrale Fragen hierbei sind: Was braucht das Ehrenamt vom Hauptamt und umgekehrt? Was kann das Hauptamt an das Ehrenamt abgeben und wo liegen die Grenzen? Wie viel Freiheit sollte ein Träger den Ehrenamtlichen lassen, damit diese sich optimal entfalten können? Wie bringt man den Anwohnern die Unterkunft näher, baut Sorgen, Ängste und Vorurteile ab? Und wie erklärt man den Bewohnern einer Unterkunft ihre neue Umgebung?

Wir möchten dabei helfen, Konzepte der gegenseitigen Ansprache zu entwickeln und individuelle Lösungen zu finden.

Forschung: Bundesweit interviewen wir Freiwillige, Geflüchtete, Unterkunftsbetreiber und kommunale Vertreter. Die Ergebnisse werden bis Ende 2017 in Form eines Handbuches veröffentlicht und bilden neben eigenen Erfahrungen die Grundlage unseres Beratungsangebotes.

Unterstützung bestehender Integrationsprojekte: Im ganzen Land entstanden neue Initiativen, wirkungsvolle Projekte und effektive Kooperationen, von denen man viel lernen kann. Wir setzen uns nach Kräften dafür ein, diese Ideen weiterzutragen und zu bereichern, damit das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss.

DialogBereiter ist ein Projekt des gemeinnützigen Sozialhelden e.V. Die Sozialhelden führen seit 2004 kreative Projekte aus, die praktische Lösungen für gesellschaftliche Probleme bieten.

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